Das Institut Ramon Llull präsentiert Catalonia in Venice: Claudia Pagès Rabal, Paper Tears auf der 61. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia. Die von Elise Lammer kuratierte Installation ist vom 9. Mai bis zum 22. November in den Docks Cantieri Cucchini auf der Insel San Pietro di Castello zu sehen. Die feierliche Eröffnung findet am 7. Mai um 18:00 Uhr statt und umfasst Wortbeiträge der katalanischen Kulturministerin Sònia Hernández und der Direktorin des Institut Ramon Llull, Anna Guitart.
Paper Tears ist eine Installation von Claudia Pagès Rabal, die Papierwasserzeichen als symbolische und politische Dispositive untersucht. Mithilfe von Laserprojektionen, einem skulpturalen LED-Screen und einer immersiven Klanglandschaft werden die während der Papierherstellung eingebrachten Wasserzeichen sichtbar gemacht und ergründet, die historisch mit Herkunft und Authentizität verknüpft sind. Paper Tears regt zur Reflexion darüber an, wie institutionelle Systeme von Wissen und Autorität im Laufe der Zeit Gestalt angenommen haben, bis sie mit der heutigen Welt kollidieren.
Die Wasserzeichen werden auf die Wände des Ausstellungsraums Catalonia in Venice projiziert und von einer Reihe heterogener Figuren kommentiert, die sich dabei eher intuitiver Sprachregister als institutioneller Rhetorik bedienen. Die ursprünglichen Wasserzeichen stellen einen Bezug zur Gegenwart her und verwandeln sich in instabile, hybride Formen, während sich die Akteure durch historische Grundwassersysteme und strategische Wasserwege in Katalonien bewegen.
Paper Tears entfaltet sich aus mehreren Perspektiven – sowohl im Gesamtgefüge der Installation als auch in der Eigenständigkeit jeder Stimme und jedes Klangs – und pendelt dabei zwischen kollektiver Erzählung und individueller Erfahrung. Die räumliche und konzeptionelle Gestaltung ist von unter- und oberirdischen Süß- und Salzwassernetzwerken – Pegelständen, Gezeiten und Strömungen – inspiriert, die als topologischer Rahmen des Projekts fungieren.
Das Archiv, das den Kern der Ausstellung bildet, umfasst Papierwasserzeichen aus dem 15. Jahrhundert, die im Papiermühlenmuseum Capellades (Museu Molí Paperer de Capellades) aufbewahrt werden, und spiegelt das anhaltende Interesse der Künstlerin an diesen nur im Gegenlicht sichtbaren Markierungen wider. Diese Wasserzeichen, die in einer Zeit entstanden, als die Bedeutung der mediterranen Handelsrouten abnahm und der atlantische Handel expandierte, zeugen von einer historischen Wende, die oftmals mit den Anfängen der Moderne assoziiert wird und neue Ordnungen der Zirkulation und Macht hervorbrachte. Das Papier war Träger von Ideen, Verträgen und Gesetzen, die Autorität, Eigentum und Regulierung festhielten. Orte wie Venedig und Katalonien nahmen Schlüsselpositionen innerhalb dieses Wandels ein, dessen Logiken unsere Realität bis heute prägen.
Der französische Ausdruck en filigrane bezeichnet etwas, das unter der Oberfläche liegt: eine Idee, eine Emotion oder eine Spannung, die sich dem direkten Ausdruck entzieht, aber dennoch spürbar bleibt. Die Erfahrung von Paper Tears gleicht einer Zeitreise – allerdings nicht im Sinne der Rekonstruktion eines Abschnitts der Geschichte, sondern weil repräsentative Elemente einer bestimmten Epoche auf die Gegenwart treffen. In einer Zeit, die von geopolitischen Konflikten, Migrationskrisen und Ausnahmezuständen geprägt ist, offenbart das Werk eine beunruhigende Kontinuität zwischen den Machtinfrastrukturen der Vergangenheit und jenen von heute.
Claudia Pagès Rabal ist eine in Barcelona lebende bildende Künstlerin, Performerin und Schriftstellerin. In ihrer künstlerischen Praxis verwebt Pagès Rabal Worte, Körper, Musik und Bewegung zu visuellen und sprachlichen Dispositiven wie Videoinstallationen, Papierarbeiten oder Büchern, in denen Ansätze aus der Linguistik, der Psychoanalyse und den dekolonialen Theorien zusammenfließen. Ihre Arbeiten wurden in Museen und Kunstzentren wie mumok in Wien (2025), Index in Stockholm (2025), Chisenhale in London (2025), IVAM in Valencia (2024), Sculpture Center in New York City (2024), CA2M in Madrid (2023), Fundació Joan Miró in Barcelona (2023), Tabakalera in Donostia (2022), Vleeshal in Middelburg (2022), MACBA in Barcelona (2022), sowie beim Kunstverein Braunschweig (2021) und in der Sharjah Art Foundation in den Vereinigten Arabischen Emiraten (2018) gezeigt. Zudem nahm die Künstlerin an der 18. Istanbul Biennale (2025) und an der Manifesta 15 in Barcelona (2024) teil. Ihr Debütroman Més de dues aigües erschien 2024 auf Katalanisch im Verlag Empúries Narrativa.
Elise Lammer (geb. in Lausanne, Schweiz) ist die Direktorin des Kunstzentrums Halle Nord in Genf. Im Zentrum ihrer Praxis stehen die Rolle des öffentlichen wie auch des privaten Raums sowie die Konstruktion und der Ausdruck von Identität. Ihre transdisziplinäre Arbeit verfolgt einen transgenerationalen und intersektionalen Ansatz, um Narrative zu hinterfragen und neu zu bewerten, die monolithisch und einseitig in die Geschichtsschreibung eingegangen sind. Zugleich untersucht sie diese Fragestellungen aus einer zeitgenössischen Perspektive. Als Autorin, Forscherin und Kuratorin hat sie an zahlreichen internationalen Projekten mitgewirkt, unter anderem im Museu Calouste Gulbenkian (Lissabon), im mumok – Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig (Wien), im MACRO (Rom), im Schinkel Pavillon (Berlin), im Centre culturel suisse (Paris), im MAMCO (Genf), im Kunsthaus Glarus, im Musée cantonal des Beaux-Arts (Lausanne) und im Istituto Svizzero di Roma, um nur einige zu nennen.
Institut Ramon Llull
Als öffentliche Institution, die sich der internationalen Förderung der katalanischen Sprache und Kultur widmet, organisiert und produziert das Institut Ramon Llull die Teilnahme Kataloniens und der Balearen an den Eventi Collaterali der Biennale von Venedig. Seit 2009 ist die Einrichtung auf der Kunstbiennale und seit 2012 auf der Architekturbiennale vertreten. Das vom Institut Ramon Llull für die Biennale präsentierte Projekt wird von einer jährlich wechselnden Expertenjury ausgewählt.



